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Copyright © 2015 Verlag Elke Straube

Bearbeitung und Layout: Verlag Elke Straube

Cover: Steffen Hartmann

Herstellung: Books on Demand GmbH

ISBN: 978-3-937699-45-5

Es war einmal vor vielen Jahren, als die Berliner Mauer noch stand...

Ich habe lange überlegt, ob ich meine Geschichte erzählen soll, denn schließlich passiert es jeden Tag, dass zwei Menschen sich treffen und in einander verlieben, so wie es mit uns geschah. Und doch war alles auch ganz anders, weil wir nie eine wirkliche Chance bekamen, uns für einander entscheiden zu dürfen. Darum erzähle ich meine Geschichte. Und weil es etwas gibt, das auch eine Mauer nicht unterdrücken kann, und das ist die Stimme unseres Herzens. Sie weist den Weg, den eine höhere Macht für uns bestimmt hat. Es ist der Weg der Liebe. Ihn und nur ihn dürfen wir gehen, denn am Ende dieses Weges wartet immer auf uns, ob in dieser oder einer anderen Welt, der Mensch, den wir lieben.

Christian Anders

Berlin, August 1983

Die Party ist in vollem Gange. Das Bier fließt in Strömen, meine Kommilitonen und Kommilitoninnen sind fast bis zum Rand abgefüllt mit Bier und Rotwein, und auch ich habe allen Grund zur Freude, denn ich, Peter Ilgner, frischgebackener Diplompolitologe aus und in Westberlin werde heute coram publico verkünden, wozu ich mich unwiderruflich entschlossen habe, nämlich zu promovieren. Und wenn's geht, „cum laude“. Aus den Augenwinkeln heraus betrachte ich mich im Spiegel und stelle fest, dass ich mir eigentlich ganz gut gefalle. Ich bin 30 Jahre jung, 1,80 groß, schlank und sportlich, mit fast schulterlangen, schwarzen Haaren und sehe aus wie ein junger Horst Buchholz. Das ist kein Quatsch, das wurde mir schon einige Male bestätigt! Der Leser sieht hier bereits, dass ich auf keinen Fall unter Minderwertigkeitskomplexen leide, denn wenn ich sage, dass ich wie Horst Buchholz aussehe, dann meine ich eigentlich, dass Horst Buchholz aussieht wie ich! Ich stoße meinen besten Freund Felix Baumann in die Seite, worauf dieser sich augenblicklich von seiner Flamme trennt und mich mit verglastem Blick erwartungsvoll anblickt. Felix ist das genaue Gegenteil von mir, nämlich klein, dick, etwas jünger als ich und mit wenig Haaren auf dem Kopf, dafür aber mit einem supergroßen Herzen und außer meiner Mutter der beste Mensch, den ich je kennen gelernt habe, und eben deshalb auch mein bester Freund. Dass er Jura studiert, nehme ich ihm nicht übel, doch eigentlich mag ich keine Juristen, ich halte nicht viel von ihrer Arbeitsmoral, die meisten von ihnen vertreten jeden, schuldig oder unschuldig, Hauptsache, die Kohle stimmt. Darum erzähle ich auch immer jedem, ob er es nun hören will oder nicht, meinen Lieblingswitz: „Was sind 1000 Anwälte auf dem Grund des Ozeans?“ Antwort: „Ein guter Anfang.“ Oder: „Wie viele ehrliche Anwälte passen in eine Telefonzelle?“ Antwort: „Alle!“ Aber Felix ist 'ne Ausnahme. Er wird sicher ein guter, ehrlicher Anwalt, so 'ne Art Perry Mason der Armen und Entrechteten. Doch nun zurück zu meinem Plan. Den verkünde ich jetzt der angetrunkenen Clique: „Aufgepasst, ihr Nichtsnutze! Stellt mal eure Getränke beiseite und nehmt die Zunge aus eurem Partner! Ich habe folgendes zu verkünden: Ich werde Doktor, und zwar Doktor der Politologie!“ „Und worüber, wenn ich fragen darf, willst du dissertieren?“, fragt Kemal, mein türkischer Kommilitone. Ich mache es spannend: „Über Umweltverschmutzung!“ „Jawohl!“, ruft Felix begeistert. "Rettet den Planeten. Nieder mit CO2!“ Ich schüttele amüsiert den Kopf: “Nein, ich meine eine Umweltverschmutzung anderer Art, Felix. Ich meine etwas, das bereits seit 20 Jahren, genauer gesagt seit August 1961 unser schönes Berlin, ja ganz Deutschland optisch und ideologisch verschandelt und verschmutzt!“ Rede nur so, dass dich keiner versteht, und sie hören dir alle zu, denn jetzt verstummt die Kommilitonenclique. Ich will meine studierenden Leidensgenossen nun nicht länger über meine Zukunftspläne im Unklaren lassen und sage nur: “Ihr Napfnasen, mit Umweltverschmutzung meine ich die Berliner Mauer! DIE verschandelt bereits seit vielen Jahren unsere schöne Stadt Berlin und darüber hinaus ganz Deutschland! Darum ist meine Dissertation auch betitelt "Die Berliner Mauer - notwendige Trennlinie zwischen Kommunismus und Kapitalismus?" Die Reaktion der Anwesenden ist teils beifälliges, teils desinteressiertes Gemurmel. Erst als ich hinzufüge „ ... und schon morgen werde ich drüben auf der Ostseite in der so genannten DDR recherchieren", da scheint mein Freund Felix aus seiner Vorstufe zum Delirium Tremens zu erwachen: "WAS?!“, ruft er entsetzt. „RECHERCHIEREN? Du willst DA RECHERCHIEREN?“ Er wankt hoch und packt mich beim Kragen: "RECHERCHIEREN? Ja, bist du denn total von Sinnen? Du willst in der DDR recherchieren? Weißt du denn nicht, was dort los ist?“ Seine sonst so fröhlichen Schweinchenaugen sind plötzlich zusammengekniffen. Jetzt sieht er aus wie ein kleiner, dicker Chinese. Ich verstehe gar nichts mehr: “Was soll denn dort los sein, Felix? Da wohnen alle die, die in den Westen wollen und nicht dürfen!“ Felix nickt mit hochrotem Kopf: „Genauso ist es! Und weißt du auch, was die da drüben mit jemandem wie dir machen, der da rumschnüffeln will?“ Ich verstehe immer noch nicht und frage: „Mir ein Interview mit Erich Honecker verschaffen? Aber im Ernst, Felix, was soll mir denn da groß passieren?“ Bevor Felix antworten kann, sagt es mir Maria Hellweg, etwas pummelig und sechstes Semester Medizin. „Schon mal was von Sibirien gehört, Peter?“ „Na klar“, erwidere ich. „Unter anderem, dass es nicht gerade ein Erholungsgebiet für Regimegegner sein soll.“ “Unter diesen Begriff könntest du dann rein juristisch auch fallen,“ sagt die Hellweg trocken. Mein guter alter Freund Felix nickt in hastiger Zustimmung: “Genau so ist es! Da kommen sie alle hin, die unbequem sind, Peter.“ Ich versuche ihn zu beruhigen: “Aber Felix, ich will doch gar nicht unbequem sein. Will nur recherchieren, Material sammeln für meine Dissertation!“ Felix schüttelt den Kopf so eifrig wie er ihn zuvor genickt hat: “Das kommt aufs selbe raus, Peter!“ Er legt mir die Hand auf die Schulter und sieht mich mit zwar alkoholgerötetem, aber ansonsten todernst besorgtem Gesicht an. Er scheint plötzlich nüchtern geworden zu sein: “Peter, mein guter, alter, weltfremder, bester Freund Peter! Nun hör mal genau zu, was dein Freund Felix Baumann dir zu sagen hat. Du kannst da nicht einfach reinmarschieren und recherchieren. Das ist 'n Polizeistaat. Nach spätestens zwei Tagen kassiert dich die Stasi ein, und dann kannste deine Doktorarbeit im Steinbruch zu Ende schreiben.“ “Irrtum", feixe ich. “Ich dissertiere in Politologie und nicht in Steinkunde.“ “Das heißt Petrographie", korrigiert mich Felix und nutzt meine Wissenslücke, um mich gleich wieder mit Argumenten zu bombardieren, warum ich nicht in die DDR reisen soll, nicht reisen darf etc., etc.

Andere aus der Clique stimmen mit Felix überein und versuchen, mich ebenfalls von meinem Entschluss abzubringen, in der DDR für meine Dissertation zu recherchieren. Ich stehe auf und spreche beruhigend auf meine Kommilitonen ein: „Ich glaube, ihr seht das alles ganz falsch. Probleme gibt es überall. Mir wird drüben niemand ein Haar krümmen. Mein Entschluss steht fest. Morgen früh geht’s ab nach Ostberlin!“

Eines ist klar, meiner armen Mutter werde ich von meinem Vorhaben nichts erzählen. Ihre Migräne wird davon sicherlich nicht besser. Gott sei Dank wohnt sie wohlbehütet in einem Seniorenheim in Köln. So kann sie nicht etwa noch im letzten Augenblick erscheinen und sich mir in den Weg stellen. Mich beschäftigt im Augenblick nur eine Frage: „Ist die Berliner Mauer mehr als nur 155 km Stacheldraht und eine 3,60 m hohe Betonmauer? Was verbirgt sich dahinter? Was ist die Wahrheit über die DDR?“ Das will und werde ich herausfinden.

Am nächsten Morgen erwache ich mit einem Brummschädel und Felix Baumanns Gesicht über mir. Wie kommt denn der hier rein? Ach so, er hat ja die Schlüssel zu meiner Bude. „Du gehst NICHT!“, blafft er mich an. Ich weiß im ersten Augenblick gar nicht, was er meint, doch je wacher ich werde, umso klarer erkenne ich, dass Felix mit aller Macht versucht, mich von meinem DDR-Besuch abzubringen. Damit stößt er jedoch bei mir auf Granit.

Stunden später...

Nachdem ich Felix erfolgreich abgeschüttelt, den Koffer gepackt und mich mit drei Tassen Kaffee fit gemacht habe, steige ich in meinen grünen VW Käfer und fahre los in Richtung US-Army Checkpoint, also dem Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie, der den sowjetischen mit dem US–amerikanischen Sektor verbindet. Normalerweise darf ich hier gar nicht durch. Botschaftsangehörige, Militär, Ausländer und Mitarbeiter der ständigen Vertretung der BRD in der DDR sowie DDR-Funktionäre, die dürfen hier durch, ich eigentlich nicht. Aber mein Doktorvater hat Beziehungen, und die hat er spielen lassen. Mein Visum ist im Pass eingetragen, und man lässt mich auf der Westseite anstandslos passieren.

Was den Checkpoint Charlie anbelangt, da habe ich mich bereits sachkundig gemacht. Der heißt so, weil er einer von drei durch die Amerikaner genutzten alliierten Kontrollpunkte ist, welche alphabetisch bzw. nach dem CAO Alphabet benannt sind: Checkpoint Alpha in Helmstedt-Marienborn, Checkpoint Bravo in Dreilinden-Drewitz und eben Checkpoint Charlie hier in der Friedrichstraße, Ecke Zimmerstraße. 25 Westmark habe ich bereits in 25 Ostmark umgetauscht. Das ist Pflicht. Dadurch entsteht ein gewisser Zwang, das Geld an dem Tag auch auszugeben. Und nun warte ich in der Autoschlange darauf, durchgelassen zu werden. Ist das nicht verrückt? Schlange stehen im eigenen Land!? Aber so ist nun mal die Realität. Und dann bin ich dran. Auf der Westseite ging wie gesagt alles glatt. Nur auf der Ostseite trifft mich der volle Zorn des DDR-Regimes. Der Grenzposten tritt misstrauisch an den Wagen heran und fragt: „Führen Sie Funkgeräte, Sprengstoffe oder Schusswaffen mit sich?“ Und dies einem Pazifisten wie mir. Ich schüttele nur verneinend den Kopf. Er deutet auf den Rücksitz des Wagens. Da liegt die „Bild“- Zeitung. Der Grepo blafft mich in perfektem Sächsisch an: „Und was is'n das?“ Dann greift er an mir vorbei nach hinten in den Wagen, holt vom Rücksitz die „Bild“ heraus und hält sie weit von sich, als wäre sie mindestens mit dem Pest-Bazillus infiziert. Ich versuche, die Situation mit Humor zu entschärfen und feixe: „Das? Ach so, das ist nur die Bildzeitung. Bitte erst Blut herausschütteln und DANN lesen!“ Das findet der Mann nun aber gar nicht komisch. Verarschen kann er sich wohl selber. Er fixiert mich aus zusammengekniffenen Augen: „Soso, die Bildzeitung. Wissen Sie denn nicht, dass die Einfuhr von Schund- und Schmutzliteratur in die DDR verboten ist?“ Bevor ich etwas erwidern kann, fragt er weiter mit plötzlicher Freundlichkeit, die aber, wie ich gleich feststellen werde, keine wirkliche ist, sondern nur eine Art sadistischer Vorfreude auf das, was er jetzt wohl mit mir vorhat. Der Grepo öffnet die Wagentür und macht eine weit ausholende, zwar einladende, aber ironisch gemeinte Handbewegung: „Na, dann steigen'se mal aus. Wollen mal sehen, ob Sie nicht noch mehr in ihrem Auto versteckt haben. Vielleicht finden wir noch was viel Schlimmeres als die Bildzeitung? Zum Beispiel Drogen oder Schwarzgeld oder pornographische Schriften und so weiter und so weiter?“ Das „und so weiter und so weiter“ lässt er förmlich auf der Zunge zergehen. Der scheint wohl den Höflichkeitsbefehl in seinen Vorschriften überlesen zu haben. Dann beginnt mein Leidensweg. Sie nehmen meinen geliebten Käfer auseinander, bis er fast nur noch aus Einzelteilen besteht. Dies dauert etwa drei Stunden, und man findet natürlich keine Schund- und Schmutzliteratur. Das einzige, was hier geschunden wird, ist mein Auto. Armer Käfer. Am liebsten würde ich jetzt die Einzelteile tröstend streicheln. Der Grenzposten erklärt mir schließlich mit unbewegter Miene. „Da ham'se aber noch mal Glück gehabt. Nu bauen'se die Karre wieder zusammen und dann können'se passieren.“ In Wirklichkeit sagt er “dann gönnen'se passieren“, doch ich will mir mit diesem Buch nicht unnötig sächsisch sprechende Feinde schaffen. Nach weiteren 3 Stunden, inzwischen ist es später Nachmittag geworden, habe ich das VW-Puzzle wieder zusammengesetzt und zuckle entnervt Richtung Alexanderplatz, den ich in einer knappen halben Stunde erreiche. Ich habe also von Westberlin nach Ostberlin etwa 7 Stunden gebraucht. In der Zeit fliege ich ja fast nach Los Angeles. Ich steige aus und lehne mich erschöpft und entnervt an meinen Käfer. Das also ist das Paradies der Werktätigen. Was mir sofort ins Auge fällt, ist, dass hier alles so grau ist. Die Menschen, die Häuser, und dazu passend auch der Himmel, alles ist grau. Das wäre weiter nicht so schlimm, denn auch wir im Westen haben schließlich graue Häuser, graue Menschen und graue Himmel. Von daher wüsste ich nicht unbedingt sofort, dass ich „drüben“ bin, sondern könnte ebenso denken, ich bin bei uns. Die Menschen hier sehen schließlich genauso aus wie wir, und außerdem sprechen sie die selbe Sprache, wenn auch oft mit einem leichten Akzent....

Und dennoch bin ich traurig, ja fast deprimiert. Warum bloß? Vielleicht, weil die Leute mich ansehen, als käme ich gerade von einem andern Stern? Sieht man mir den Westberliner an? Dabei trage ich nur Jeans, Turnschuhe und ein T-Shirt, aber es sind keine DDR Wisent oder Boxer Jeans, keine DDR Turnschuhe und kein DDR T-Shirt, sondern Lewis Jeans, Nike Turnschuhe und ein Versace T-Shirt, also wohl genau die Jeans, Turnschuhe und T-Shirts, die man hier im Osten nicht kaufen kann, es sei denn vielleicht im Intershop. Ansonsten trägt man hier auch meist Schlaghosen und Nylonpullover mit Rollkragen. Aber meine Jeans allein können es nicht sein. Nur, was ist es dann? Vielleicht die Schlange Wartender vor einem Laden? Vielleicht warten sie auf Obst und Gemüse, welches, so erfahre ich, gar nicht mal teuer ist, nur es gibt halt nicht genug. Ähnlich ist es, wie ich später erfahre, mit Tomatenketchup, Gurkenkonserven, Ölsardinen, Rotkäppchensekt, Wein, bestimmten Kosmetik- und Haarpflegeartikeln etc., etc., allgemein als „Bückwaren“ bezeichnet, also Waren, die unter dem Ladentisch hervorgeholt werden. Man kennt das bei uns im Westen von Ostwitzen, doch hier ist es Wirklichkeit.

Bei uns stehen sie schließlich manchmal auch Schlange nach bestimmten Dingen, allerdings nicht, weil es so wenig gibt, das so viele wollen, sondern weil es so VIEL gibt, dass so viele wollen. Das ist der Unterschied. Bei uns im Westen steht man Schlange nach dem, was wir im Überfluss haben, und hier im Osten steht man an nach dem, was es kaum oder selten gibt, und zwar, so habe ich bereits vorrecherchiert, nach fast allem, was man bei uns im Westen ohne Schwierigkeiten bekommt. "Es gibt immer etwas, was es gerade nicht gibt", wird mir später jemand erzählen. Man nennt das hier wohl „Versorgungsschwierigkeiten“. Die gehören in der DDR zum Alltag. Aber das allein kann es auch nicht sein. Ich schau mir die wartenden und auch die anderen Menschen genauer an, die sind alle so ernst und verschlossen, und dann weiß ich plötzlich, warum ich so „down“ bin, jetzt weiß ich es. Es sind nicht die grauen Häuser oder die grauen Menschen oder gar der graue Himmel. Es ist etwas anderes. Ich habe hier noch niemanden lachen sehn. Das ist es. Die sehen alle so aus, als würden sie zu ihrer eigenen Beerdigung gehen. Jetzt übertreibe ich etwas, aber das trifft es eigentlich auch nicht. Es ist wohl schon eher so, dass die Menschen mir hier etwas signalisieren, nämlich: Bei uns gibt es nichts zu lachen. Dann erblicke ich weitere Schlangen wartender Menschen, und zwar vor zwei Telefonzellen. Wieso vor Telefonzellen? Ruft man sich hier so gerne an? Bald werde ich den Grund erfahren. Öffentliche Telefonzellen sind hier rar und private Anschlüsse ein Luxus. Das Grau von Menschen, Häusern und Straßen und dann noch die dunklen Wolken am Ostberliner Himmel über mir, all dies macht mich müde. Gibt’s denn hier gar nichts, das wenigstens ein bisschen an den Westen erinnert? Doch, das gibt es, und zwar das Hotel in Ostberlin, in das ich mich für eine Woche eingecheckt habe. Es ist ein Gebäude mit 39 Stockwerken, tausend Betten und 5-geschossiger Garage. Das Ganze heißt „Interhotel Stadt Berlin“, ist etwa ein Drittel so hoch wie der 360 Meter hohe, nahe gelegene Fernsehturm und liegt genau am Alexanderplatz. Ich dachte mir: 'Wenn du schon in ein Dritte-Welt-Land fährst, dann nimm wenigstens das Beste, was es dort gibt, bzw. was du (mit Mamas regelmäßiger finanzieller Unterstützung) bezahlen kannst. Mein Zimmer ist okay, mit Bad und Dusche, und, wie ich erfahre, für Ost-Verhältnisse luxuriös. Es liegt im 33. Stock, was zu einem geilen Blick über Berlin führt, sogar bis hinüber in den Westen. Ich habe Hunger. Im 2. Stock, so sagt man mir an der Rezeption, gibt es ein Restaurant mit Namen „Zille Stuben“. Doch meine Müdigkeit ist stärker als der Hunger, also ab ins Bett.

Ausgeruht und voller Power erwache ich um 8 Uhr früh des nächsten Tages. Es ist Dienstag. Wir schreiben den 30. August 1983. Ich lasse den Käfer in der Garage und mache mich zu Fuß auf den Weg. Die Hauptstadt der DDR verwandelt sich gerade in eine Großbaustelle. Plattenbauten schießen aus dem Boden, das Nikolaiviertel wird wieder aufgebaut, der alte Friedrichstadtpalast weicht einem mit viel Pomp eingeweihten Neubau, der zum kulturellen Vorzeigeprojekt avanciert. Zum Repertoire der neuen Bühne in der Friedrichstraße gehören Tanzveranstaltungen, Varieté-Theater und Kabarett. Der Alexanderplatz ist ein dem Zar Alexander gewidmeter, 80.000 Quadratmeter großer Platz im Königsstadt Viertel, sozusagen das Shopping Center Ostberlins. Nur leider gibt’s da wenig zu shoppen. Nach Kaufhausschließung ist hier absolut tote Hose, und dann sieht man erst so richtig, wie die Gebäude aus den 60ern und 70ern den Platz kalt und leblos erscheinen lassen. Dennoch ist jetzt auf und um den Alexanderplatz viel los. Es ist der Vorzeigeort der DDR und eine Touristenattraktion. Wohin man sieht, sitzen die Leute an den zahlreichen Brunnen, auf den Wiesen und in den Cafés. Das ändert nichts an der Tatsache, dass der Alexanderplatz eine graue Betonwüste mit hässlichen Hochhäusern ist. Mir bietet sich ein Spannungsfeld von Modernität und ländlicher Gemächlichkeit, sprich der Alltag der realsozialistischen Republik im Zeichen von Hammer und Zirkel im Ährenkranz. Auf zahlreichen Fotos sehe ich Prominente wie den Schriftsteller Stefan Heym oder die Eiskunstläuferin Katarina Witt, alles parteitreue Bürger der DDR. Schlange stehen sie allerdings immer noch, nicht die Prominenten, sondern die DDR-Normalbürger. Heute stehen sie, wie ich gleich erfahren werde, nach Farbfernsehern an, und ich werde beinahe Zeuge eines Ehestreits, was mich zum ersten Mal, seit ich hier bin, zum Schmunzeln bringt. Es ist ein kurioses Erlebnis. Vor einem Elektronikgeschäft hat sich eine lange Schlange gebildet. Daneben sind natürlich viele andere Läden. Eine Frau läuft missmutig und deutlich vor sich hin schimpfend auf dem Fußweg hin und her, als ob sie etwas suche. Ihre Miene verfinstert sich mehr und mehr, ein Donnerwetter bahnt sich an. Als sie an mir vorüber geht, fange ich Wortfetzen auf wie " ... kann doch nicht wahr sein, ... kann man sich denn nicht mal paar Sekunden was ansehen, ... wo rennt der wieder rum?" Allmählich dämmert's mir. Sie sucht - ihren Mann! Sie hatte sich wohl in die Auslage eines Geschäfts vertieft, und als sie sich wieder umdrehte, war er weg! Plötzlich sehe ich ziemlich am Ende der Schlange einen Mann aufgeregt gestikulieren und winken. Ich deute in diese Richtung, die Frau sieht hin - es ist tatsächlich ihr Mann. Er hatte die Schlange auch gesehen und sich blitzschnell angestellt, ohne zu wissen, was es eigentlich gibt. Ist das nicht verrückt? Die Leute stellen sich an, und wissen gar nicht, wonach? Er hat dann seine Vorderleute gefragt und erfahren, dass es Farbfernseher gibt! Und zwar frei, ohne Vorbestellung. Einfach so zu kaufen! Nur für Geld, ohne Beziehungen! Und da die beiden wohl so ein Gerät suchen, hat er sich blitzschnell angestellt und sich natürlich nicht mehr aus der Schlange getraut, denn keiner wusste, wie lange die Geräte reichen werden. Ich glaube mich verhört zu haben, die Leute sprechen über eine Wartezeit von 2 Jahren! Und manchmal gab es - keiner wusste es vorher und keiner wusste, wie es kam - mal welche frei zu kaufen. Ich bin versucht, mich mit anzustellen, damit ich so vielleicht mehr erfahre und sogar jemanden interviewen bzw. befragen kann, denn schließlich ist dies der Zweck meines Besuches, und wer weiß, wie lange ich hier ungestört in dieser Richtung arbeiten kann? Doch es erscheint mir pervers, mich in die Schlange der Wartenden einzureihen, und so schlendere ich weiter. Vielleicht hätten sie mich auch argwöhnisch beobachtet, ob ich vielleicht auch einen Fernseher kaufen möchte. Das ist also das Paradies der Werktätigen, „... auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, so beginnt zumindest deren Hymne. Ich habe das Gefühl, die Menschen hier sehen an mir vorbei, als wüssten sie, dass ich aus dem Westen komme und als wollten sie mir signalisieren, dass ich hier nicht erwünscht bin. Oder schauen die immer so? „Keine Angst, ich bin kein Spitzel und auch kein arroganter Westschnösel! Wollte nur wissen, wie es euch hier geht, und wie ihr euch fühlt, und was ihr so denkt!“ Das will ich rufen, tu's aber dann doch nicht. Dann ist plötzlich Riesentrara. Es bildet sich ein Knäuel von Menschen, und irgendwie schauen die plötzlich gar nicht mehr so traurig, sondern wie...ja, wie Fans! Und gleich erfahre ich, warum. Nicht etwa meinetwegen, nein, der in der DDR lebende US-Sänger Dean Reed ist aufgetaucht und gibt ein Interview vor laufender Kamera. Vorgestellt wird er als „Mitglied des Weltfriedensrates“. Er kommt gerade aus Chile, wo er selbst lebte und wo er zum ersten Mal seit zehn Jahren Pinochet-Herrschaft vor Bergarbeitern und Studenten Chiles das von den Faschisten verbotene Lied „Venceremos“ öffentlich gesungen hat. Ergebnis: Er wurde von der Pinochet Regierung ausgewiesen. Mutig, mutig, der Typ. Dann ist er weg, so schnell wie er auftauchte. Die Menge bleibt und diskutiert. Ich kauf mir 'ne Zeitung und atme auf. Na also, die sind hier wie wir auf der anderen Seite der Mauer. Werden genau so wütend, wenn ihr Fußballklub verloren hat. Ich lese vom „Tag des Zorns“. Der 1. FC Lokomotive Leipzig hat das Ortsderby gegen Chemie mit 3:0 gewonnen. In der Max-Liebermann-Straße warteten tausend wütende Chemiker auf 300 Lok Fans. Riesenschlägerei. Und die Lok Fans GEWINNEN.

Allein das Lesen dieses Berichtes macht mich hungrig, also gehe ich zurück zum Hotel, in den zweiten Stock, ins Restaurant „Zille Stuben“. Ich setze mich an einen freien Tisch. Die Bedienung dreht mir den Rücken zu, ist gerade mit einem anderen Gast beschäftigt. Ich mache mich bemerkbar: “Hallo Fräulein, hätte gerne was zum Essen bestellt!“ Ohne sich umzudrehen erwidert sie: “Nicht so hastig, junger Mann. Hier kommt jeder dran, aber immer schön der Reihe nach!“ Frohgemut töne ich zurück: “Schon recht, Madame. Hauptsache, Sie fangen bei mir an!“ Nun dreht sie sich um, sieht mich an und sagt: „Lassen Sie mich mal raten, Sie kommen aus dem Westen, stimmt's? Sie sind 'n Westler!?“1 Ich will gerade etwas Schnippisches erwidern, da bleibt mir der Atem weg. Ich halte wie gelähmt inne. Ich sehe in ihre Augen. Ich schwöre, es sind ihre Augen, die ich zuerst gesehen habe, nicht ihre göttliche Figur. Nein, es sind zunächst einmal nur die Augen, diese Augen, sonst nichts. Eigentlich sehe ich nicht in ihre Augen, ich VERSINKE darin. Dunkelgrün, geheimnisvoll und spöttisch zugleich sind diese Augen, aber sie sind noch etwas anderes, sie sind mir so vertraut, als hätte ich diese Augen nur lange nicht gesehen und nun wieder erkannt. Fast will ich rufen: „Endlich bist du wieder bei mir! Wo warst du nur solange!“ So vertraut kommt sie mir vor. Aber dann lasse ich es doch bleiben, schließlich will ich hier nicht gleich einen Tag nach meiner Ankunft in der Psychiatrie landen. Außerdem verschlägt es mir immer noch den Atem bzw. die Sprache. Ich kann meinen Blick nicht von dem ihren lösen. Jetzt erst sehe ich den Rest ihres Gesichtes. Es ist jung, strahlt Schönheit, Anmut und Intelligenz aus und ist umrahmt von dunkelblonden, straff nach hinten zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Jedes Supermodel aus dem Westen wäre hier nur zweite. Nie ist mir so etwas geschehen. Die Welt versinkt um mich. Mireille Darc, sie sieht aus wie Mireille Darc. Es wird noch pathetischer und schnulziger in meinem Kopf. Mireille Darc und Horst Buchholz, das Mädchen und ich, wir sind ein Traumpaar. Und die Welt versinkt noch weiter um mich, um uns. Alles ist jetzt wie in Zeitlupe. Dann steht die Zeit still. Es ist, als erstarrten alle um uns herum in ihren Bewegungen. Nur das Mädchen und ich, wir sind noch da, sind die einzige Realität. Wir sind allein auf einer Insel mit Namen Illusion. Sie sagt etwas, doch ich höre es nicht, höre nur mein Herz, das macht laut bumm, bumm, bumm, nein, es ist viel lauter! Mein Herz schlägt so laut wie ein Presslufthammer! Es macht BUMM, BUMM, BUMM! Eigentlich müsste jetzt jeder hier im Lokal, inklusive meiner Traumfrau, mein Herz schlagen hören. Dann wiederholt sie das Gesagte, und jetzt höre ich ihre Stimme wie durch einen Schleier. Es ist eine helle, klare, warme und zugleich erotische Stimme. Ihr leicht spöttisch verzogener, ungeschminkter und doch so sinnlich schöner, pralllippiger Jungmädchenmund schiebt sich nach vorne, als wollte sie mich küssen, doch ihre Worte sind anderer Natur: „Hat es Ihnen die Sprache verschlagen, Herr Westler?“ Das hat es in der Tat. Ich kann immer noch nicht den Blick von ihrem Gesicht lösen, fange mich dann langsam und sehe auch den Rest des Mädchens, das eigentlich bereits eine Frau ist. Schlank und grazil ist sie, aber dennoch sportlich stabil. Was denke ich da eigentlich? Sportlich stabil? So einen Unsinn, ich meine natürlich schlank, aber kräftig, grazil, aber nicht zerbrechlich ist sie, dieses Mädchen, diese Frau, die sich innerhalb von Sekunden in mein Herz und meine Sinne gebrannt hat. Warum sage ich Mädchen? Weil sie mich irgendwie auch ein wenig an das Mädchen aus der Fernsehserie „Tammy, das Mädchen vom Hausboot“ erinnert. Aber ansonsten ist sie eher eine Doppelgängerin von Mireille Darc. Ziemlich vollbusig ist sie auch, doch all dies ist wirklich unerheblich. Ihre SEELE ist es, die mich betört, und diese Seele strömt aus ihren Augen, fließt zu mir hinüber und hüllt mich ein mit ihrem Zauber. Langsam fange ich mich wieder, besinne mich meiner in vielen Jahren entwickelten und perfektionierten Rhetorik (haha), kann jetzt aber nur stottern: „Ke ... kennen Sie Mireille Da... Darc?“ „Nö", antwortet sie trocken. „Dadarc kenn' ich nicht. Wollten Sie das bestellen?“ Nun müssen wir beide lachen. Ich nutze die Gelegenheit und presche vor: „Sie sehen so aus wie die Schauspielerin Mireille Darc.“ Sie hebt ihre rechte Augenbraue: „Ach so? Und Sie sehen aus wie ein Westler, darum habe ich Sie auch Herr Westler genannt.“ “Bin ich aber nicht“ kontere ich. „Nur das 'er' stimmt hinten. Aber ansonsten heiße ich nicht Westler, sondern Ilgner, Peter Ilgner. Allerdings muss ich gestehen, dass ich wirklich aus dem Westen komme, genauer gesagt aus dem schönen Westberlin.“ Ich versuche zerknirscht zu wirken: „Jawohl, ich bekenne mich schuldig, ein Westdeutscher zu sein!“ Sie ist nicht sonderlich beeindruckt. „Na so was, Sie sind also ein Westler, der Ilgner heißt. Ich bin ja total von den Socken, krieg mich kaum mehr ein, kann kaum noch aufrecht stehen vor Ehrfurcht!“ Das lasse ich mir nicht gefallen und schieße zurück: „Und Sie sind eine Ostlerin mit Namen...?“ Und schon bereue ich das Gesagte. Damit bin ich zu weit gegangen. Sie macht zu. Ihr Gesicht verfinstert sich, wird wie die Mauer, kalt und abweisend. Mit entsprechender Stimme fragt sie mich: “Sind Sie zum Essen gekommen oder zum Reden? Also, was darf es sein?“ Ich sehe sie nur an, will mich entschuldigen, weiß aber nicht wie. Was soll ich sagen? Sorry, dass ich Ostlerin gesagt habe, war nicht als Schimpfwort gemeint? Sie wiederholt ihre Frage mit derselben Reserviertheit wie zuvor. „Also haben Sie sich nun entschieden?“ Und ob ich mich entschieden habe, und zwar für dich, du wunderschöne, fremde und mir doch so vertraute Frau. Das sage ich natürlich nicht, sondern bestelle, was ich jetzt ganz nötig brauche, um wieder auf die Erde zurückzufinden, nämlich einen Wodka. „Russisch oder polnisch?“, fragt sie. Ich kann’s nicht lassen und kontere kühn: „Werde ich verhaftet, wenn ich einen polnischen bestelle?“ Was für ein Teufel reitet mich da eigentlich? Will ich es mir denn wirklich völlig mit ihr verderben? Will ich alles verpatzen, alles verspielen? Jegliche Chance? Jetzt ist es ganz aus. Sie sieht mich wieder an mit diesen meergrünen, wundervollen Augen, aus denen jetzt allerdings jede Art von Freundlichkeit gewichen ist. Ihre Worte kommen wie kleine Messerstiche. „Sehr witzig, Herr Westler. Ich glaube, es ist besser, wenn meine Kollegin Sie bedient!“ Spricht's und geht an einen anderen Tisch. Was für ein Gang! Welch natürliche Grazie! Groß ist sie und schlank und schön. Ich will mich bei ihr entschuldigen, aber sie ist schon weg, zum nächsten Tisch, bedient die Gäste dort, lässt mich zurück in der ohne sie wieder grauen Realität. Jetzt reicht's aber. Ich tu ja wirklich so, als würde ich sie schon Jahre kennen, und wir hätten uns gerade getrennt. Ich stehe auf und verlasse mit hochrotem Kopf das Lokal, rein in den Fahrstuhl, runter in die Halle und raus aus dem Hotel. „Verdammter Idiot!“, beschimpfe ich mich draußen so laut, dass es sogar einige vorübergehende Passanten mitbekommen. Trotzdem schimpfe ich weiter: „Da triffst du die Frau deines Lebens, und dann benimmst du dich tatsächlich wie ein richtiger West-Arsch!“ Was nun? Was soll ich tun? Zur Tagesordnung übergehen, als wäre nie etwas gewesen, als hätte ich diese Frau nie gesehen, als hätte ich mich nie in sie verliebt? Habe ich aber, und zwar innerhalb von Sekunden! Es gibt sie also doch, die Liebe auf den ersten Blick. Ich kann das jetzt bezeugen, denn so habe ich nie zuvor empfunden. Und das mir, der ich die Frauen immer nur aus egozentrischer Distanz heraus genossen habe. Mehr ließ mein Ego bisher nicht zu. Ich versuche meine Gedanken abzulenken, nicht mehr an „sie“ zu denken, sie, an die ich von jetzt an immer denken werde. Also peile ich ein paar Leute an, die auf dem Alexanderplatz herumstehen. Die quatsche ich einfach an und frage, wie es ihnen denn so geht, und dass ich aus Westberlin komme und an einer Doktorarbeit über die DDR schreibe, ich sage nicht über die Mauer, das wäre wohl etwas zu ehrlich bzw. unsensibel. Aber zu unsensibel bin ich bereits, denn so toll finden die hier weder mich noch meine Fragen. Sie gehen einfach weiter oder murmeln Unverständliches. Nur ein alter Mann hat Erbarmen. Mit etwas brüchiger Stimme erzählt er mir vom Zweiten Weltkrieg. Das war zwar ganz interessant für mich, aber es ist nicht unbedingt das, was ich von den Menschen hier wirklich wissen will. Ich schlendere weiter über den Alexanderplatz in Richtung Karl-Marx-Allee. Jetzt wage ich es doch, reihe mich in die Schlange vor einem Fleischerladen ein. Jemand erzählt einen Witz: „Warum legen sie hier im Osten Plastikwürste in den Fleischerladen?“ Antwort: „Damit die Leute nicht denken, es wäre ein Fliesengeschäft!“ Einige lachen, andere blicken betreten zu Boden. Der Mann, so um die 30, erzählt weiter: “Noch'n Witz, Leute! Jemand kommt ins Zentrum-Kaufhaus Ostberlin und fragt die Verkäuferin: Gibt es hier keene Hemden? Sie antwortet: „Nee, keene Hemden gibt’s im ersten Stock, hier gibt’s keene Schuhe!“ Da lachen schon einige mehr. Zunehmend bekomme ich das Gefühl, dass im Sozialismus der Kunde nicht König, sondern Bettler ist. Wer hier mit Ostgeld bezahlt, ist schon zweitrangig. Später erfahre ich, dass der privilegierte DDR-Bürger, der Westgeld hat, im Intershop einkaufen kann. Diese Geschäfte waren eigentlich für Westbürger wie mich gedacht, deshalb sind sie oft auf Bahnhöfen. Seit 1974 dürfen auch DDR-Bürger mit Westgeld dort einkaufen. Ich überlege, wie sich wohl DDR-Bürger ohne Westgeld gefühlt haben mögen. Später wird mir so ein Ehepaar erzählen, dass sie höchstens mal zum "Schnuppern" in einen Intershop gehen, denn es riecht so schön darin... Es ist wie ein kleiner Ausflug ins Paradies, in eine andere Welt. Und wenn man einigermaßen geschickt ist, dann kann man sich auch in Punkto Mode etwas abschauen - und dann zu Hause versuchen, das nachzunähen (sofern man wenigstens ähnliches Material bekommt) oder man kann der Oma erklären, wie sie den neuen Pulli stricken soll. Sie nehmen aber ihre 8-jährige Tochter niemals mit. Auf meine erstaunte Frage, warum nicht, antworten sie mir, sie wissen nicht, wie sie dem Kind erklären sollen, dass sie ihm dort nicht mal eine Tafel Schokolade kaufen können, obwohl sie beide arbeiten. Das weiß ich leider auch nicht. Plötzlich tritt jemand auf den Witzeerzähler zu, packt ihn, sagt ihm etwas ins Ohr, zieht ihn mit sich in ein Auto. Ich muss an Felix und seine Warnung denken. Vielleicht hat er doch nicht übertrieben. Verdammt, ich muss vorsichtig sein.

Die Zeit verrinnt. Ich schaue hinüber zum Hotel. Dort arbeitet meine Traumfrau immer noch. Um sicher zu gehen, dass sie die „Zille Stuben“ nicht bereits verlassen hat, schleiche ich mich zurück ins Hotel, hoch zum Restaurant, luchse von draußen durch die Scheibe. Jetzt sehe ich SIE! Emsig und zugleich leichtfüßig wie ein Reh macht sie ihren Job, bedient die Gäste und hat für jeden ein freundliches Lächeln. Was mache ich hier eigentlich? Die Sache ist gelaufen. Ich hab’s verpatzt. Bei der Frau habe ich gründlich verschi…pardon, ich meine natürlich verscherzt. Und doch hängt mein Blick wie gebannt an ihr. Ich verschlinge jede ihrer Bewegungen mit Herz und Augen bis Feierabend. Und dann, endlich, endlich kommt sie! Jetzt oder nie. Habe übrigens Blumen gekauft. Rosen gab es leider nicht, dafür Nelken. Passt irgendwie, denn Nelken sind ja hier das Symbol für den 1. Mai - den "Kampftag der Werktätigen". Und ich will ja auch kämpfen, um sie, meine Traumfrau. Jetzt kommt sie, jung, groß, schlank und schön, und so frisch und natürlich, als hätte sie nicht schon einen langen Arbeitstag hinter sich, sondern käme gerade vom Blumenpflücken im Garten. Sie trägt ein helles, ziemlich enges Kostüm. Was für eine Figur! Ich wusste es, wusste, dass sie vollkommen ist, wusste es, als ich in ihre Augen sah, diese Augen, in die ich fast versunken und in denen ich fast ertrunken wäre. Und nun steht sie vor mir, sieht mich mit überrascht spöttischem Blick an und meint etwas verärgert: „Sie schon wieder?!“ Bevor sie mir eine neue Abfuhr erteilen kann, sage ich so treu und lieb wie möglich: „Entschuldigen Sie, das von heute Mittag tut mir leid. Ich wollte Sie wirklich nicht verletzen.“ “Haben Sie auch nicht!", sagt sie fast trotzig. „Ich habe Sie gar nicht wahrgenommen!“ Haben Sie doch, will ich erwidern, verkneife es mir aber und mache weiter auf zerknirscht: „Das mit dem Wodka war nur ein blöder Scherz. Wird nicht wieder vorkommen, das verspreche ich Ihnen.“ Sie lacht nur kurz und kühl auf, doch ihre Augen blitzen kämpferisch: „Das kann auch gar nicht wieder vorkommen, weil ich mich mit Ihnen gar nicht weiter unterhalte. Der Kontakt zu Westpersonen ist dem Personal nämlich untersagt!“ Du darfst sie jetzt nicht gehen lassen, rufe ich mir innerlich zu und verwickele sie weiter ins Gespräch. „Westperson? Wie das klingt. Scheußlich! Westperson! Nennen Sie mich doch einfach Peter!“ Sie denkt gar nicht dran. Ich halte ihr den Blumenstrauß entgegen: „Aber Blumen dürfen Sie doch wenigstens annehmen, oder?“ Jetzt lächelt sie, und der kühle Glanz verlässt ihre Augen. Ich bekomme eine Gänsehaut. Verdammt, was ist denn los? So etwas habe ich noch nie erlebt! Ich starre sie nur an. Wahrscheinlich wirke ich in diesem Augenblick wie ein Tölpel vom Lande, der zum ersten Mal ein Flugzeug sieht. Und genau das habe ich jetzt auch, Flugzeuge im Bauch. Ich bekomme einen Hitzeanfall. Mein Kopf wird rot, als wäre ich ein verliebter Pennäler. Sie bewegt sich weg von mir. Das darf nicht geschehen. Ich bin wie willenlos und zugleich von dem Willen erfüllt, diese Frau nie mehr ge